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   Kostenlose Gnade (Free Grace) und Ansichten über die Erwählung

Die Lehre von der Erwählung provoziert immer eine lebhafte Diskussion unter Christen, die eine Anzahl Möglichkeiten haben, sie zu erklären. Es gibt kein einheitliches Einvernehmen über die Erwählung innerhalb der Free-Grace-Position (Kostenlose Gnade). Was im Wesentlichen debattiert wird ist, wie Gottes souveräner Wille mit dem freien Handeln des Menschen (oder seiner Reaktion) zusammengeht. Das Wort Erwählung bedeutet, gewählt oder ausgewählt zu sein und wird häufig mit anderen theologischen Worten, wie Prädestination oder Foreknowledge (Vorherwissen) assoziiert. In kurzer Zusammenfassung sind hier die grundlegenden Ansichten, die man über die Erwählung antrifft, auch wenn jede Ansicht ihre eigenen Variationen hat.

1. Monergistische, bedingungslose Erwählung vor der Zeit. Diese Ansicht vertritt, dass die Errettung eines Menschen durch Gottes souveräne Entscheidung in der vergangenen Ewigkeit vor der Schöpfung kommt, oder bevor jemand glaubt. Sie hängt in keiner Weise vom eigenen Handeln, Willen oder Glauben des Menschen ab. Der Gnade der Errettung kann man nicht widerstehen und die Gabe des göttlichen Glaubens führt notwendig zu einem Leben in Treue und guten Werken, in dem man bis zum Ende des Lebens beharrt. Gott ist der Einzige, der handelt, daher der Begriff monergistisch. Diese Ansicht wird manchmal Dortianischer Calvinismus (von der Synode zu Dort), Hochcalvinismus oder reformierter Calvinismus genannt, der durch die Abkürzung TULIP identifiziert wird (Total depravity (völlige Verderbtheit), Unconditional election (bedingungslose Erwählung), Limited atonement (begrenzte Sühne), Irresistible grace (unaufhaltsame Gnade), Perseverance of the saints (Ausharren der Heiligen)). Gegner dieser Ansicht reklamieren, dass sie Gott mit Seinen anderen Attributen, wie Liebe, inkonsistent macht, und den Menschen durch Wegnahme seines freien Handelns tatsächlich entmenschlicht, was Gottes Herrlichkeit verkleinert, weil das Evangelium nicht allen angeboten wird und die Erwählten nicht ablehnen können. Diese Ansicht ist bei den Befürwortern der kostenlosen Gnade (Free Grace) nicht beliebt.

2. Synergistische Erwählung vor der Zeit. Manche, die sich moderate Calvinisten nennen, erkennen Gottes Erwählung in der vergangenen Ewigkeit oder bevor jemand glaubt an, aber sie erkennen auch die Notwendigkeit des menschlichen Glaubens an, diese Errettung zu verwirklichen. Gottes Wille und die Reaktion des Menschen wirken zusammen, kompatibel oder synergistisch. Da die Bibel Gottes Willen und die menschliche Entscheidungsfreiheit bei der Errettung bestätigt, sind beide kongruent oder wirken harmonisch zusammen. Manche, die dies glauben, ziehen es vor, den menschlichen Willen als innerhalb Gottes größerem, souveränen Willen wirkend zu betrachten. Wie Gottes Wille und der Wille des Menschen zusammenwirken, kann nicht so einfach verstanden oder erklärt werden. TULIP Calvinisten wenden ein, dass der Mensch nicht die Freiheit hat, auf das Evangelium zu reagieren, und sie halten eine solche Ansicht über den Glauben für ein menschliches Werk. Dieser moderate Calvinismus wird von einigen Anhängern der kostenlosen Gnade (Free Grace) vertreten.

3. Bedingte Erwählung vor der Zeit. Gott weiß, wer schlussendlich an Jesus Christus glauben wird, und erwählt ihn für die Errettung. Gottes Vorherwissen wird als die Fähigkeit verstanden, die Zukunft zu kennen, hat aber keine bestimmende Qualität. Weil Gott diejenigen erwählt, von denen Er weiß, dass sie auf das Evangelium reagieren werden, ist die Errettung durch die Reaktion des Menschen bedingt. Diese vorausschauende Erwählung ist die traditionelle arminianische Position. Manche wenden ein, dass diese Ansicht die Erwählung völlig bedeutungslos macht, weil alles von der Reaktion des Menschen abhängt. Manche, die die kostenlose Gnade (Free Grace) vertreten, haben die Grundlagen dieser Ansicht übernommen, während sie andere arminianische Lehrsätze zurückweisen.

4. Gemeinschaftliche Erwählung vor der Zeit. Während alle anderen hier aufgelisteten Ansichten die Erwählung als auf Individuen gerichtet behandeln, sieht diese Ansicht die Erwählung im Verhältnis zu Christus und der Kirche. In der vergangenen Ewigkeit erwählte Gott Seinen Sohn, Jesus Christus. Alle Gläubigen werden in diese erwählte Gruppe "in Christus", die Kirche, eingeordnet. Die Errettung eines Individuums wird nicht notwendigerweise vorhergesehen. Diese Ansicht wurde durch den Theologen Karl Barth populär, aber seiner Ansicht nach waren alle Menschen in Christus erwählt - einige wussten es nur noch nicht. Manche wenden ein, dass diese Ansicht Stellen in der Schrift ignoriert, die die Erwählung von Individuen beschreiben, und weisen auch den dadurch ermöglichten Universalismus zurück. Manche Befürworter der kostenlosen Gnade (Free Grace) sind mit der Idee der gemeinschaftlichen Erwählung einverstanden, weisen aber andere Aspekte dieser Ansicht, wie den Universalismus, zurück.

5. Erwählung durch "mittleres Wissen" vor der Zeit. Diese Ansicht, die auch als Molinismus bekannt ist, vertritt, dass Gott in der vergangenen Ewigkeit entschied, von allen möglichen Szenarien dasjenige zu erschaffen, das die von Ihm erwünschten Resultate (Souveränität) durch wahrhaft freie moralische Entscheidungen (freier Wille) erbrachte. In dem vollständigen Wissen, was die Menschen in jeglichem Szenario tun könnten, tun würden und daher tun werden, schuf Gott das beste Szenario und weiß, wer an Christus glauben wird. Manche würden argumentieren, dass dies nicht die Frage beantwortet, warum Gott ein Szenario wählte, das einigen erlaubte, Ihn zurückzuweisen; noch andere, die die kostenlosen Gnade (Free Grace) vertreten, glauben, dass diese Ansicht am besten Gottes souveränen Willen mit der Entscheidungsfreiheit des Menschen in Einklang bringt.

6. Zeitlose, qualitative Erwählung. Diese Ansicht sieht das Wort Erwählung nicht als auf die individuelle Errettung sondern auf Gottes Beschreibung der Gläubigen als "Auswahl" bezogen. Diejenigen, die an Christus glauben, sind diejenigen, die Seinen Sohn wertschätzen und die Gott in ihrem Leben und Dienst verherrlichen werden, daher werden sie qualitativ als erwähltes Volk bezeichnet. Die Bibel spricht niemals über die Erwählung zur Errettung, sondern über die Erwählung zum Dienst. Manche wenden ein, dass diese Ansicht sich eine ungerechtfertigte Freiheit in der Definition der Erwählung und einiger der Passagen, in denen sie sich findet, herausnimmt. In letzter Zeit wird diese Ansicht von einigen Anhängern der kostenlosen Gnade (Free Grace) unterstützt.

7. Überzeitliche, kongruente Erwählung. Während Erwählung für gewöhnlich in einer linearen, zeitlich bestimmten Weise betrachtet wird, sollte sie doch durch Gottes Wesen betrachtet werden, die alle Zeit umfasst und darüber hinaus geht. Obwohl die Bibel die Errettung als etwas beschreibt, das durch Gott in der "Vergangenheit" verfügt wurde aber dies auch als eine Möglichkeit in der "Gegenwart" darstellt, gibt es keinen Widerspruch, weil Gott überzeitlich ist, das heißt, Er umfasst die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Gott existiert in einem "ewigen jetzt", das heißt Sein Erleben des Menschen und seiner Errettung (oder Verdammnis) ist vollständig und daher kongruent bezüglich des göttlichen Willens und der menschlichen Entscheidungsfreiheit. Was Gott weiß, das bestimmt Er, und was Er bestimmt, das weiß Er. Gottes Wille für die Errettung eines Einzelnen besteht in der Vergangenheit ebenso wie in der Gegenwart oder der Zukunft, nur die Reaktion des Menschen ist auf seine gegenwärtige Zeit auf Erden beschränkt. Gegner mögen sagen, dass diese Ansicht die Bedeutung der Zeitbegriffe in der Schrift verwirft, aber manche Vertreter der kostenlosen Gnade (Free Grace) halten sie für eine gute Option.

Die Bewertung dieser Ansichten

Die Ansicht mit der höchsten Glaubwürdigkeit ist diejenige, die mit den meisten Stellen der Schrift harmonisiert. Einige der entscheidenderen Fragen, die beantwortet werden sollten, sind:

  • Obwohl jede Ansicht eine theologische Tendenz hat stellt sich die Frage, welche davon am besten aus der Schrift selbst gestützt werden kann (Diese kurze Studie kann nicht einmal anfangen, dies zu beantworten!)
  • Welche Ansicht ist am konsistentesten mit einer biblischen Ansicht über Gott und all Seine Attribute?
  • Welche Ansicht ist am konsistentesten mit einer biblischen Ansicht über den nach dem Ebenbilde Gottes geschaffenen und vom Fall beeinträchtigten Menschen?
  • Die von der kostenlosen Gnade (Free Grace) Überzeugten wollen insbesondere wissen: welche Ansicht ist am konsistentesten mit der biblischen Ansicht von der bedingungslosen Gnade, Glauben als legitimer menschlicher Reaktion und Errettung aus Gnade durch Glauben unabhängig von menschlichen Verdiensten oder Werken, sowohl vordergründig als auch durch die Hintertür?

Schlussfolgerung

Christen sollten verstehen, dass die Debatte über Gottes vorherbestimmenden Willen und die Entscheidungsfreiheit des Menschen bereits vor dem Christentum im antiken Judentum, der griechischen Philosophie und vielen anderen Religionen existierte. Dies sollte uns helfen zu sehen, dass das Problem nicht schnell gelöst wird, noch viel weniger zu jedermanns Zufriedenheit. Es ist legitim zu fragen, ob es überhaupt möglich ist, alles über Gott zu erklären, oder ob einige Dinge jenseits unserer Fähigkeit liegen, vollständig zu verstehen und zu erklären. Und wenn wir alles über Gott erklären könnten, was für ein Gott wäre Er dann? Wir sollten die Doktrin der Erwählung studieren und uns Meinungen bilden, aber immer mit einer großen Portion Demut und ausgehend von einer ehrlichen Betrachtung der Schriften. Wenn wir das tun, dann gibt es keinen Konflikt mit dem Evangelium der Errettung aus kostenloser Gnade durch Glauben allein an Jesus Christus allein.

"O welche Tiefe des Reichtums sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Gerichte, und wie unausforschlich seine Wege!" - Römer 11:33


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